Glück im Unglück auf der Marmolada

Der Senf von Michi Alltagsgschichtn Kommentar hinzufügen

Es gibt immer zwei Seiten. Was mir gefällt, gefällt anderen nicht. Was ich liebe, verstehen andere nicht. Was andere mögen, das geht mir am A… vorbei. Und doch haben wir alle eines gemeinsam: Glück. Und das ist auch wieder relativ.

Am Freitag, 1. Mai, nutzten wir den zusätzlichen freien Tag zum Freeriden auf der Marmolada. Das Wetter war schön, die Sonne schien, wenige Tage davor hat es schön geschneit, wir freuten uns aufs Powdern wie die Kinder. Und wir wurden nicht enttäuscht.

Mit dem Korblift kamen wir schön auf Höhe, die Felle blieben im Auto. Wir wollten keine Zeit mit Aufwärtsgehen verplempern, wir wollten jede Sekunde mit Tiefschneefahren verbringen. In unberührten Hängen malten wir unsere Spuren, enge, weite, gar keine Kurven, der Schnee war gnädig, wir waren ganz aus dem Häuschen. Wer braucht schon steile Hänge weit oben, wenn es Genussfahrten unten gibt? Was etwa 1,5 km weiter oben passierte, während wir uns im Powder amüsierten, erfuhren wir erst später, ahnten es aber bereits, als wir in der Ferne ein Rumpeln hörten.

Wir konnten es nicht recht deuten, irgendwo, dachten wir uns, wird wohl eine Schneerutsche runter gegangen sein. Deshalb, so beschlossen wir, ab zur Bar Vernel am Stausee, Mittagessen und gut sein lassen für heute. Nach dem Motto: Morgen ist auch noch ein Tag.

Unten angekommen dann die Überraschung. Über uns kreisten Hubschrauber, es wurde gemunkelt, weiter oben sei eine riesige Lawine abgegangen. Wie riesig sie wirklich war, wussten wir da noch nicht. Nach einer Weile und nachdem wir Gerüchte von über 20 Verschütteten, von Toten, Vermissten und Geborgenen gehört haben, sind wir mit dem Lift nochmal hinauf, um uns von der Bergstation aus ein Bild des Geschehens zu machen. Jetzt wurde uns klar wie groß die Lawine wirklich war und wie knapp wir ihr entgangen sind. Frage nicht, wie es ausgeschaut hätte, wären wir nur 5 Minuten früher unterwegs gewesen. Aber wir haben sie überlebt.

Glück gehabt. Genau das haben wir gehabt. Glück, zu rechten Zeit weit weg gewesen zu sein, Glück gehabt, dass wir zu faul zum Aufwärtsgehen waren und gleichzeitig aber auch Glück gehabt, vor dem Lawinenabgang, Wahnsinns-Pulverschneeabfahrten genossen zu haben.

Wer jetzt meint, bei Lawinenstufe 3 hat man außerhalb der Pisten nichts mehr zu suchen, hat vielleicht Recht. Das ist die eine Seite. Die andere ist, das Pulverschnee süchtig macht, dass man dieses Glück im Schnee “zu fliegen” wieder und wieder erleben will, trotz aller Risiken, die jeder von uns so niedrig wie nötig halten muss und auch hält. Niemand von uns will von einer Lawine begraben werden, niemand will auf das Glück Tiefschnee zu fahren verzichten, jetzt nicht und in Zukunft auch nicht.

Im Nachhinein ist man immer schlauer und weiß alles besser, das ist schon klar. Man hätte nicht, man hätte sollen, blablabla. Fakt ist: Das ganze Leben besteht aus nichts anderem als Glück oder Schicksal oder vielleicht Zufall. Das wissen wir leider oft viel zu wenig zu schätzen.

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Eine Reaktion zu “Glück im Unglück auf der Marmolada”

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